„Die Wirklichkeit ist nur eine Arbeitshypothese“, stellt die Ich-Erzählerin in Leena Krohns Roman fest. Die fi nnische Autorin, die mit Stechapfel erstmalig auf Deutsch erscheint, reiht sich mit der literarischen Umsetzung dieser Erkenntnis in die Traditionen des Surrealismus ein. Allerdings liefert Krohn einen konkreten Auslöser für die bewusstseinserweiterte Weltwahrnehmung: die Samenkapseln des Stechapfels oder auch „Datura“, einer Pflanze mit „krimineller Vergangenheit“, von der Erzählerin heillos unterschätzt. „Man weiß schlicht nicht, was Pflanzen eigentlich sind. Wir nehmen an, sie seien ungefährlich, machtlos, passiv. Welch ein Irrtum! Auf dem Erdball gibt es keine gewaltigere Macht als die des Pflanzenreichs.“
Sarah Kuttner • Mängelexemplar • Fischer Verlag, 2009
Mein Blick blieb am Cover hängen. Genauso soll es ja auch funktionieren, das Konzept der Kulturindustrie: Die Umwandlung des immer Gleichen. Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen. Ein Umschlag in Knitteroptik, weiß, vielleicht hellgrau, unten links eine aufgedruckte Sicherheitsnadel, die versuchen soll, das Mängelexemplar zu kitten. Hat leider nicht funktioniert. Das Äußere erinnert an ein vor einiger Zeit erschienenes rosa Büchlein, mit Heftpflaster auf dem Umschlag. Darin ging es gar nicht mädchenhaft rosa zu, und so manchem lieferte es zu viele Innenansichten. Innensicht gibt es auch beim weißen Buch mit der Sicherheitsnadel, jedoch eher die psychische, statt physische der Protagonistin: Karo hat eine Depression. Das erfährt man schnell. Gleich auf der ersten Seite sitzt sie nämlich im Sprechzimmer vom „Popstarpsychiater“.
Vincent Delecroix • Der Schuh auf dem Dach • Ullstein Verlag, 09
Ein werbewirksames Mittel im Buchhandel scheint das Wort „Roman“ auf dem Titel. So werden viele Büchlein, die nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Erzählung darstellen, in großzügigsten Druck auf über 100 Seiten gebracht und als Roman eingestuft, damit der Käufer mit ruhigerem Gewissen gut 15 Euro für das Buch ausgeben kann. In die Kategorie der fälschlicherweise als Romane bezeichneten Werke reiht sich auch Der Schuh auf dem Dach von Vincent Delecroix ein. Dieser Text verdiente es zwar, von der inhaltlichen Weite und vom Umfang mit immerhin 217 Seiten als solcher bezeichnet zu werden, ist aber dennoch keiner. Vielmehr als das ist es eine Sammlung von Erzählungen, die alle einen gemeinsamen Bezugspunkt haben – einen Schuh auf dem Dach des Nachbarhauses. Skurrile, schöne, zum Nachdenken oder Schmunzeln anregende Geschichten finden sich darunter.
Daniel Kehlmann • Ruhm • Rowohlt Verlag, 2009
Die Spielregeln setzt der Autor und nicht der Kritiker. Friedrich Dürrenmatt wusste das in den 70ern und Daniel Kehlmann weiß es heute. Die Spielregeln, welche sind damit gemeint? Nun, zuerst einmal die der Literatur. In Kehlmanns neuem Roman Ruhm sind die Spielregeln kompliziert, die Akteure weder eindeutig gekennzeichnet noch wird klar, wer hier überhaupt mit wem und gegen wen spielt. Und das Spielfeld ist – na ja, unbestimmt. Denn es ist der Roman, der sowohl Spielfeld als auch Spielball ist. Und in diesem geht es weder um Simples noch um Banales – denn Thema sind Mensch und Kunst. Und um das Spiel geht es auch. Denn dieses beherrscht der Autor von sechs Romanen und einigen Erzählungen so virtuos, wie es einst der Magierlehrling Beerholm verstand, die Grenzen zwischen Schein und Sein aufzulösen.
