Bereits zum Ende des Jahres 2007 gelang es dem Briten David Wolstencroft alias Trus’Me mit seinem Debüt Working Nights, noch einen echten Jahrgangsklassiker hinzulegen. Sein Soul- und Afrobeat-basierter Discohouse versetzte nicht nur den lokalen Plattenhändler in Verzückung, sondern ist seitdem auch ständiger Bestandteil eines jeglichen DJ-Sets des Rezensenten. Zur Jahreswende folgt jetzt das lang ersehnte neue Album. In The Red schließt nahtlos an den vor Sample- und Detailliebe strotzenden Vorgänger an. Musikalische gereift hat der DJ, Produzent und Musiker aus Manchester sein Talent um echtes Soundwriting erweitert und präsentiert nun ein kohärentes Werk aus acht in sich verwobenen Titeln. So rund wie eine gut geschnittene Schallplatte nur sein kann. Kongeniale Unterstützung gibt es von Amp Fiddler und Wunderkind Dam-Funk von Stone Throw Records. Absolutes Highlight ist das minimalistische „Sweet Mother“: Ein treibender Song aus der Zeit, als der Soul seine afrikanischen Wurzeln entdeckte. (Falco Stienen)
Trus’Me • In The Red • Fat City/Groove Attack, 11.12.09
Martin Jondo • Rainbow Warrior • Homeground/Groove-Attack
Wenn es ein Typ schafft, ohne eigene Platte von den RIDDIMLesern zum Newcomer des vergangenen Jahres gewählt zu werden, dann ist eine gehörige Portion Neugier durchaus nicht unangebracht. Auch ist es dann vollkommen ok, wenn man (als Schreiber vor der Entscheidungsfrage stehend) sich statt der ebenfalls neuen PATRICE – Scheibe erst einmal den frischen Tunes eines Martin Jondo hingibt. So heißt der Typ, der mit Veröffentlichung seiner ersten EP auf dem Berliner Homeground – Label (Culcha Candela, Mellow Mark) endlich in die eigenen Puschen kommt und der Reggae-Family den langersehnten Stoff für einen hoffentlich bald kommenden Sommer liefert.
V.A. – Anagram Jam | Fat City Records (Groove Attack), 05.06.09
Eindeutig zweideutig singt ein von Exzessen schwer gezeichneter Jim Morrison auf dem Album L.A. Women von Mr. Mojo Risin als Anagramm auf seine eigene Person. Bei chronischer Erfolglosigkeit hätten The Doors mit ihrem Psycho-Rock-Blues spätestens bei der vorliegenden Auswahl der Herren Andy Votel und Dom Thomas ihre verdiente Würdigung erfahren. Der Tanz der Buchstaben wird im Anagram Jam klar übertragen auf das Spielen mit Genres, Klängen und Stereotypen: Indischer Bollywood trifft Afrika Bambaata, meint aber Kraftwerk. Türkische Folklore erkennt den Funk in sich, Korea macht HipHop und Israel ist nicht erst seit Kutiman die glühende Herdplatte für psychedelische Samplegebilde. Alles wird – und das ist der eigentliche Clou – zu einer homogenen, erfrischenden, weil rohen und eckigen Einheit. Open Minded, in seiner freien aber neckischen Übersetzung für: „Ihr habt doch den Kopf offen.“ Mad Smooth & Tandy Love – und die Szene applaudiert bei einem gemeinsamen Teller Buchstabensuppe. (Falco Stienen)
Kylie Audist • Made of Stone • Tru Thoughts (Groove Attack), 10.08.09
Ein weiterer Tru Thoughts Wildfang aus dem australischen Outback: Kylie Audist zeigt, dass Down Under neben Koalas und Backpackern auch musikalisch mehr zu bieten hat als zottelige Rockbands von JET bis Wolfmother. Aufgewachsen auf einer Farm im Hinterland, fern der Metropolen Melbourne und Sydney, schickt sich die junge Frau mit glasklarer Stimme an, die Herzen der weltweiten Soulpop und New Funk Szene zu erweichen. Natürlich ist die Vokabel Networking gerade hier ein zentrales Stichwort. Folgerichtig trägt auch bei ihrem zweiten Album der australische Produzent Lance Ferguson die Verantwortung für die eingängigen und bisweilen durchaus poppigen Produktionen. Mr. Ferguson, besser bekannt als Lanu und Bandleader der australischen Deepfunk Ikonen The Bamboos, weiß was er tut. Mit seiner Down Under Connection ist das britische Label auch in Ozeanen bestens aufgestellt. Ein gradliniges, bisweilen etwas erwartbares Album, welches durch Artwork und Protagonistin jegliche Kritik verschmerzbar macht. (Falco Stienen)
Domu •One offs, Remixes & B Sides • Tru Thoughts/Groove Attack, 29.06.09

Unexpect the expected! Frei nach Vater: Willst du die Leute überraschen dann Spiel die B-Seite – ein guter Ratschlag, für fast keine Lebenslage. Ähnliches wird wohl auch Robert Luis, seines Zeichens CEO beim benannten Label, von seinem Erzeuger zu hören bekommen haben. Anders ist das durchaus hinterfragbare Konzept einer eigenen Samplerreihe im Zeichen unveröffentlichter Titel, Remixe, B-Seiten und Festplattenleichen eines einzelnen Künstlers nicht zu beantworten. Eine missliche Note kommerzieller Zweitverwertung lässt sich nicht von der Hand weisen. Und tatsächlich möchte sich beim Hören von Domus Retrospektive der vergangenen 10 Jahre keine wirkliche Überraschung breit machen. Zu kalkuliert, altbacken und vermeintlich zu Recht auf Rückseiten versteckt, klingen die einzelnen Titel aus den Untiefen des housigen Broken Beat. Dass die eine oder andere Auster am Ende doch noch ihre Perle zeigt, sei an dieser Stelle trotzdem nicht ausgeschlossen. Denn wie man letztendlich weiß – Papa knows best! (fs)
