Hot Chip • One Life Stand • Parlophone/EMI, 29.01.10

“Ich fühle mich immer wie von selbst zu einfachen, ehrlichen Sachen mit aufwändiger Produktion hingezogen, wie ‚Love Can’t Turn Around’. Auch wenn ich mich gern in Underground-Nummern verliere, zieht mich Musik mit Hooks trotzdem an.“ Joe Goddard, neben Alexis Taylor treibende Kraft von Hot Chip, bringt die Philosophie hinter One Life Stand treffend auf den Punkt. Der phantastische Fünfer aus London serviert mit dem Nachfolgewerk des vormals kühleren Made In The Dark Langspielers ein Stück organische Dancemusik abseits aalglatter, seelenloser Hochglanzproduktionen. Von den Grundbausteinen House und Techno ist im allgemeinen Verständnis nicht viel übrig, zu breit ist die Palette an Einflüssen und Stilnoten im Songwriting der Band. Das gospelartige Hand Me Down Yor Love würde auch einer Moby-Platte gut zu Gesicht stehen während I Feel Better ein schon fast todsicherer Clubklassiker ist. Die Hooks sitzen perfekt und doch charmant natürlich. Hot Chip bleiben Könner. Clubmusik mit Seele. (Michael Baller)

Sigur Rós – Med Sud I Eyrum Vid Spilum End | EMI, 20.06.08

Seit langem zählen Sigur Rós zu den erfolgreichsten Exportschlagern Islands. Die Songs ihres fünften Albums Med Sud I Eyrum Vid Spilum End (deutsch „Mit einem Brummen in unseren Ohren spielen wir endlos“) wurden diesmal aber nicht nur im Land der Feen und Elfen, sondern auch in New York, London und Havanna eingespielt. Heiter bis düster ist deren Stimmung, und sprunghaft wie das nasskalte Wetter der Atlantikinsel. Selten waren die hymnenhaften Arrangements des kauzigen Quartetts aus Reykjavik derart poppig und strukturiert. Drums, Bass, Gitarre und etliche
Orchesterinstrumente (u.a. vom Streichquartett Amiina) lassen beinahe gute Laune aufkommen. Knapp eine Stunde lang schwirren und flirren Melodien, verknüpfen sich mit sachter Elektronika zu epischen Klangteppichen. Dass wir es mit den Sigur Rós-Texten nicht so genau nehmen, dürfte auf der Hand liegen. Nur soviel: Statt in isländischer ist die elegische Falsettstimme von Frontmann Jónsi Birgisson erstmals auch in englischer Sprache zu hören. (André Gieße)

Coldplay • Viva La Vida • Parlophone/EMI, 13.06.08

Gigantisch waren die Erwartungen an das vierte Coldplay-Album, entsprechend lebhaft die Spekulationen darüber. Von Mut, Neuanfang und Ausverkauf war die Rede. Allein der Titel stiftete Verwirrung. Nein, Viva La Vida ist nicht die brandneue Schnulze von Ricky Martin. „Dieses Album wurde von dem Wunsch angetrieben, von Schwarzweiß ins Farbspektrum zu wechseln“, erklärt Frontmann Chris Martin. Kein Wunder, diente doch ein Gemälde der Mexikanerin Frida Kahlo als Inspiration. Ähnlich kunstaffin wirkt auch der polierte Sound der zehn sphärischen Kleinode: Neben warmen Gitarren- und Pianotönen wurden erstmals Kirchenorgeln, Chöre und Elektronika integriert. Zugegeben, der berüchtigte Bluthund, den die vier freundlichen Briten mit Hilfe von U2-Produzent Brian Eno von der Leine lassen wollten, entpuppt sich als penibel gestriegelter Pudel. Oder als Diamant ohne Kanten. Statt leidenschaftliche Wellen zu schlagen, ergehen sich die filigranen Melodien der Softrocker häufig in angestrengter Raffinesse. (André Gieße)

The Fratellis – Costello Music | Island (EMI), 27.01.06

Man nehme drei Typen mit Nachnamen Fratelli, Glasgow und somit auch Schottland, einen gewissen Mythos um die Nachnamen (in Wirklichkeit sind die nämlich: Lawler, McRory und Wallace), eine Riesenschubkarre voll Retroglamklang und viele willige Fans. Was rauskommt? Musik die Spaß und Freude macht! Sie klingen ein wenig wie die Kinks, ein wenig nach den Buzzcocks, besitzen die Leichtigkeit von OKGO und sind eine typische Band, wie man sie momentan von der Insel erwarten würde. Poppig, ein bisschen dreckig, dominante spätsiebziger-Punk-angehauchte-Gitarren, eingängige Hooklines und eine sehr sympathische Stimme, die in ihren Melodien an die Dirty Pretty Things erinnert. Und last but not least: das obligatorische „the“ vor dem Namen. In England haben The Fratellis sich auf den zweiten Platz der Hitparade vorgekämpft. In den USA und Deutschland wollen sie nun den Gipfel der Charts stürmen.

Jet • Shaka Rock • EMI, 21.08.09

Nachdem bei Jet zuletzt ziemlich die Luft raus war, legen die Garagenrocker auf ihrer neuen Platte wieder eine härtere Gangart ein und kehren zu ihren musikalischen Wurzeln zurück. Laut Bandauskunft handelt es sich bei Shaka Rock um die bis dato ehrlichste Platte der australischen Wirbelwinde. „Diesmal wurde das Album nicht von einem Produzenten oder von der Plattenfirma vorgeschrieben, sondern wir haben es uns selbst diktiert“, sagt Bassist Mark Wilson. Auf ihrem dritten Album erfinden seine Kollegen das Gitarrensolo zwar nicht neu, halten aber zumindest das Erbe von AC/DC und T-Rex aufrecht. Gekonnt zelebrieren die vier Jungs um Frontmann Nic Cester ruppigen Rock’n’Roll ohne Spirenzchen, setzen auf druckvolle Riff-Revivals, eingängige Refrains und Herzschmerz-Balladen. Zwar verwehren sich Jet lautstark dem affektierten Rockzirkus, dennoch fehlt die rebellische Unbekümmertheit des furiosen Erstlings Get Born – da hilft es auch nichts, einen brennenden Kleinbus das Cover zu packen. (André Gieße)