Nach zwei erfolgreichen Scheiben mit den Raconteurs wagt Brendan Benson mit My Old, Familiar Friend seit vier Jahren erstmals wieder den Schritt aus dem Schatten von Jack White und demonstriert uns seine Qualitäten als Songwriter. Während der White Stripes-Chef mit The Dead Weather schon die nächste Supergroup am Start hat, bastelt Benson weiter an seiner Solokarriere. Aufgenommen in Nashville und London ist sein viertes Studioalbum ein Spagat zwischen Leidenschaft und Perfektionismus. Das neue Material verdeutlicht Bensons Facettenreichtum – der Multiinstrumentalist aus Michigan beherrscht Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards – und klingt unbekümmerter als der bluesgetränkte Südstaaten-Rock der Raconteurs. Neben Gitarrenriffs kommen hier auch Piano und Streicher zum Einsatz. Gekonnt kleidet Benson seine Herzschmerz-Stories in ausgeklügelte Melodien und eingängige Refrains. Häufige Wechsel zwischen sonnigem Powerpop und gefühlvollen Balladen machen die Platte zum Dauerläufer im CD-Spieler. (André Gieße)
Brendan Benson • My Old, Familiar… • Cooperative Music, 04.04.09
Broken Bells • Broken Bells • Sony BMG, 05.03.10
Mit Brian Burton alias Danger Mouse und The Shins-Sänger James Mercer haben zwei Koryphäen der US-Indie-Szene zusammen ins Studio gefunden. Herausgekommen sind 20 Songs, von denen es zehn auf das Debütalbum Broken Bells geschafft haben. Mit Ausnahme der Streicher hat das Duo alle Instrumente selbst eingespielt. Von Mercer stammen die Gesangs-, Gitarren- und Bass-Parts, Burton ist an Orgel, Schlagzeug, Klavier, Synths und Bass zu hören. Der Mischpultmagier, bekannt als die eine Hälfte von Gnarls Barkley oder Gorillaz-Produzent, bezeichnet das Soundgemisch aus sphärischem Pop und groovigem Soul als „melodisch, aber experimentell“. Genres interessieren ihn nicht: Die Single „The High Road“ ist eine düstere Folkballade, das überirdische „Your Head Is On Fire“ könnte auch von den Beach Boys stammen und „Vaporise“ erinnert mit Bläser- und Orgelklängen an einen von Morricone komponierten Italo-Western-Klassiker. Die grandiose Platte der Broken Bells soll zum Glück kein One-Off-Projekt bleiben. (André Gieße)
Chairlift • Does You Inspire You • Col/Sony Music, 22.05.09

Hey, kenn ich doch. Habe ich schon zigmal gehört. Ach iPod, genau – toller Song. „Bruises“ diente im vergangenen Jahr als Kampagnensong für Apple und ist per se der Ohrwurm des gesamten Albums. Doch abschalten gilt nicht, denn der Rest des Debüts des New Yorker Trios ist oft noch einen Ticken spannender. Als verträumte Electro-Folk-Band im heimischen Colorado gefeiert, zog es Gitarrist Aaron Pfenning und Sängerin Caroline Polachek nach Williamsburg, Brooklyn, wo sie auf Patrick Wimberly trafen. Hier in New Yorks zeitweilig angesagtester Künstlernachbarschaft feilten die drei an ihrer Vision des zeitlosen Popsongs, Und anders als das temperamentvolle „Bruises“ ist der Großteil der Songs auf Does You Inspire You eher in sich gekehrt, verträumter gestrickt und profitiert dabei von der facettenreichen Stimme Polacheks, die phasenweise im Duett mit Pfenning zur Höchstform aufläuft. Avantgardistische, spannende und höchst fesselnde „Rotwein-Musik“ mit Charme und Gespür für außergewöhnliche Abende. (Michael Baller)
Clark • Totems Flare • Warp Records/Roughtrade, 17.07.09

Wenn eine Platte via Warp Records den Weg ins Plattenregal und Idealerweise von da aus auch in die Player vieler Hörer antritt, dann kann sie eigentlich von vornherein mit einiger Sicherheit keine schlechte sein. Seit geraumer Zeit gilt Chris Clark, der seine Platten schlicht unter seinem Nachnamen veröffentlicht, in die erste Reihe der Warp-Künstler. Selbst im dritten Durchlauf gibt einem dessen aktuelles Werk Totems Flare das beständige Gefühl, dreimal völlig verschiedene Platten gehört zu haben. Hier treibend mit düster-tiefen Bässen, dann doch wieder knarzend und sich im Detail aufhaltend. Dann ein wildes Monster wie Rainbow Voodoo, bei dem Clark der Elektropunk durchgeht. Wahrscheinlich wird man auch beim zwanzigsten Durchlauf noch völlig neue Seiten entdecken, was Totems Flare eine durchaus spannende Halbwertzeit beschert. Clark macht elektronische Musik für Kopf und Körper abseits monoton gezogener Szenegrenzen. Erfrischende Herangehensweise, sehr empfehlenswerte Platte. (Michael Baller)
Clueso • So sehr dabei • FourMusic/Sony BMG, 30.05.08
Hoppla, was hat dieser junge Mann für eine Entwicklung hinter sich. Die Dreißig noch vor sich, aber bereits drei Alben im Backkatalog und jetzt Nummer vier frisch in den Regalen. Und immer ging es dabei einen Schritt vorwärts, aber eben auch nie einen zu viel, der die Gefahr des Stolperns, des zu schnellen Erfolgs in sich getragen hätte. Erfurt ist eben doch weit genug weg, um ungestört arbeiten zu können. So sehr dabei geht den musikalischen Weg konsequent weiter, den bereits das Vorgängerwerk deutlich markierte. Gerade im direkten Vergleich zu diesem zeigt sich auch deutlich, dass der Songwriter Clueso mehr als je zuvor in sich zu ruhen scheint. Statt nervösem Erfolgsdruck präsentiert man sich entspannt, gelassen, oft auch nachdenklich. Keine Ausreißer, dafür instrumentale Finessen an allen Ecken, welche Cluesos kleine Alltagsgeschichten zu echten Songperlen machen. Ob die Geisterstadt aus Beton, wie es sie im Osten zigfach gibt, eine Utopie oder Barfuss („jeder noch so kleine Teich sollte verbunden sein zum Meer…“) – es macht echt Freude zuzuhören. (Michael Baller)
