V.A. – Anagram Jam | Fat City Records (Groove Attack), 05.06.09

Eindeutig zweideutig singt ein von Exzessen schwer gezeichneter Jim Morrison auf dem Album L.A. Women von Mr. Mojo Risin als Anagramm auf seine eigene Person. Bei chronischer Erfolglosigkeit hätten The Doors mit ihrem Psycho-Rock-Blues spätestens bei der vorliegenden Auswahl der Herren Andy Votel und Dom Thomas ihre verdiente Würdigung erfahren. Der Tanz der Buchstaben wird im Anagram Jam klar übertragen auf das Spielen mit Genres, Klängen und Stereotypen: Indischer Bollywood trifft Afrika Bambaata, meint aber Kraftwerk. Türkische Folklore erkennt den Funk in sich, Korea macht HipHop und Israel ist nicht erst seit Kutiman die glühende Herdplatte für psychedelische Samplegebilde. Alles wird – und das ist der eigentliche Clou – zu einer homogenen, erfrischenden, weil rohen und eckigen Einheit. Open Minded, in seiner freien aber neckischen Übersetzung für: „Ihr habt doch den Kopf offen.“ Mad Smooth & Tandy Love – und die Szene applaudiert bei einem gemeinsamen Teller Buchstabensuppe. (Falco Stienen)

V.A. – neopop 06 | 1st Decade (SPV), 17.11.06

Nummer 6 der 1st Decade – Samplerreihe wirkt beim ersten Durchhören etwas verhalten. Immerhin hatten gerade die beiden Vorgänger Neopop 04 und 05 die Messlatte für all ihre Nachfolger verdammt hochgelegt. Dazu kommt, dass die fünfte Ausgabe mit einem derbe rockenden DJ-Set als Bonus um die Ecke kam. Das ist diesmal nicht der Fall. Trotzdem ist es den Label-Hausherren Northern Lite wieder gelungen, neben den beiden eigenen Stücken vom aktuellen Album Songs zu kompilieren, auf deren Zusammenstellung man so gar nicht gekommen wäre. Dabei treffen die fabelhaften Royksopp („alpha male“) auf Console, die dann auf Goldcut und irgendwann röhrt Peaches ihr „you love it“ fordernd heraus. Der gemeinsame Kontext ist eine irgendwie elektronisch geprägte Ausgangssituation, die sich aber in sehr differenzierten Stimmungslagen äußert. Mal sehr ruhig, dann wieder ab durch die Decke. Neuentdeckungen wie die 1st Decade-Newcomer Chapaeu Claque (erinnern etwas an Klee) würzen und nach zwei Durchläufen ist es wieder stimmig und gewohnt stilvoll. (mb)

Vampire Weekend • Contra • Xl/Beggars Group, 08.01.10

Nach dem Überraschungserfolg ihres Debüts lassen Vampire Weekend erneut das Zebra von der Leine. Wie zwei Jahre zuvor mischen sie auch auf ihrem Zweitwerk die Indie-Rock-Szene mit polyrhythmischen Afrobeats auf. Unbekümmert spielen die New Yorker dabei mit verschiedensten Instrumenten (gegen Rasseln und Handtrommeln wirken Gitarre, Piano, Synthesizer und Streicher fast schon bieder). Contra sprudelt über an frischen Ideen, glänzt mit tollen Melodien und ist hochgradig ansteckend. Gleich im Eröffnungstrack serviert das Quartett um Sänger Ezra Koenig spanische Erfrischungsgetränke zu Wintertemperaturen. In den darauf folgenden neun Songs bewegen sich seine Bandkollegen zwischen Ska, Funk, Dancehall und Weltmusik. „Wir klingen mehr wie Vampire Weekend als auf der ersten Platte“, sagt Schlagzeuger Christopher Tomson. Neben leichtfüßigen Gute-Laune-Nummern haben diesmal auch nachdenkliche Stücke den Weg auf den Langspieler gefunden. Darin setzt sich die Jungs mit Themen wie Trennung und Tod auseinander. (André Gieße)

Wallis Bird • New Boots • Columbia/Sony Music, 02.03.10

Auch in diesem Monat liefert Columbia Berlin ein interessantes Scheibchen Songwriterkost zum Probehören ab. Kann man sich wirklich dran gewöhnen. Nach dem immer noch fulminanten Asaf Avidan in der letzten Ausgabe geht die Reise diesmal gen Irland, woher die 26-jährige Sängerin und Songschreiberin Wallis Bird stammt. Den Gedanken an publastigen Folk irischer Art könnt ihr sofort zur Seite legen, damit hat New Boots nichts am Hut. Eher passt sie in die Liga junger Musikerinnen a la Amy McDonald oder einer Duffy, ohne diese zu kopieren. Durchweg eingängig und trotzdem immer wieder erkennbar sind ihre Songs. Allein die erste Singleauskopplung „To My Bones“ wird nach dem bereits erfolgreichen 2007er Debüt Spoons ihre Bekanntheit erneut vorantreiben, schließlich hat der Song einiges an Hitpotential. Besonders reizvoll: Nach den elf durchweg stimmigen Songs gibt es als Bonus ganze fünf Livetracks und damit einen Lustmacher auf ein Wallis Bird Konzert obendrauf. (Michael Baller)

Wolfmother – Cosmic Egg | Universal, 23.10.09

Wolfmother – also das, was nach dem Abgang von Schlagzeuger Myles Heskett und Keyboarder Chris Ross noch davon übrig ist – sind Gefangene ihrer eigenen Zeitmaschine. Abgesehen von der Besetzung, hat sich bei den australischen Retro-Rockern wenig verändert. Vier Jahre nach dem umjubelten Erstling ist das behaarte Biest aus dem Sunset Boulevard Studio in Los Angeles gekrochen und hält das zweite Album Cosmic Egg in seinen Klauen. Neben psychedelische Balladen glänzt die kosmische Wuchtel durch knallharte Kracher. Die neuen Songs stammen aus verschiedenen Zeiten und Orten. „Einige wurden recht spontan während der letzten zwei Wochen des Trackings geschrieben, andere schwebten unvollendet seit zwei Jahren umher“, sagt Gitarrist und Sänger Andrew Stockdale, der erneut seiner Schwäche für klassischen 70er-Heavy-Rock frönt. Dabei kombinieren der gelockte Schreihals und seine drei neu gecasteten Kollegen bluesigen R’n’B mit ebenso brillanten wie langen Led Zeppelin-Riffs und warmen Pianopassagen. (ag)