TYR – By the Light of the Northern Star | Napalm Records, 29.05.09

Gerade einmal 48.000 Menschen leben auf den Färöer Inseln, die Hafenstadt Tórshavn bezeichnet sich selbst als kleinste Hauptstadt der Welt – kaum anzunehmen, dass dort etwas Wegweisendes in Sachen Musik heranwachsen könnte. Irrtum! Innerhalb weniger Jahres ist es der Pagan-Metal-Band Týr mit ihrem ungewöhnlichen Stil gelungen, sich als internationale Speerspitze des Viking Metal zu etablieren, weil weltweit kaum eine Formation die heidnischen Wurzeln des Genres authentischer interpretiert als die Jungs um Frontmann Heri Joensen – und das auch optisch. Mal auf englisch, dann wieder in färöisch, isländisch, dänisch oder sogar gøtudanskt gesungen, lassen die beinharten Týr-Hymnen mit ihrer einzigartigen Symbiose aus traditionellen Melodien, Wikingerchören und Heavy Metal die überlieferten Mythen um den nordischen Kriegsgott Thor oder den Wikinger-Helden Tróndur í Gøtu aufleben. Schade nur, dass das Album gerade einmal zwei Songs in färöischer Sprache enthält und der Rest in Englisch ist. Trotzdem absolute Weltklasse! (Klaus Peter Kaschke)

V.A. – Anagram Jam | Fat City Records (Groove Attack), 05.06.09

Eindeutig zweideutig singt ein von Exzessen schwer gezeichneter Jim Morrison auf dem Album L.A. Women von Mr. Mojo Risin als Anagramm auf seine eigene Person. Bei chronischer Erfolglosigkeit hätten The Doors mit ihrem Psycho-Rock-Blues spätestens bei der vorliegenden Auswahl der Herren Andy Votel und Dom Thomas ihre verdiente Würdigung erfahren. Der Tanz der Buchstaben wird im Anagram Jam klar übertragen auf das Spielen mit Genres, Klängen und Stereotypen: Indischer Bollywood trifft Afrika Bambaata, meint aber Kraftwerk. Türkische Folklore erkennt den Funk in sich, Korea macht HipHop und Israel ist nicht erst seit Kutiman die glühende Herdplatte für psychedelische Samplegebilde. Alles wird – und das ist der eigentliche Clou – zu einer homogenen, erfrischenden, weil rohen und eckigen Einheit. Open Minded, in seiner freien aber neckischen Übersetzung für: „Ihr habt doch den Kopf offen.“ Mad Smooth & Tandy Love – und die Szene applaudiert bei einem gemeinsamen Teller Buchstabensuppe. (Falco Stienen)

V.A. – neopop 06 | 1st Decade (SPV), 17.11.06

Nummer 6 der 1st Decade – Samplerreihe wirkt beim ersten Durchhören etwas verhalten. Immerhin hatten gerade die beiden Vorgänger Neopop 04 und 05 die Messlatte für all ihre Nachfolger verdammt hochgelegt. Dazu kommt, dass die fünfte Ausgabe mit einem derbe rockenden DJ-Set als Bonus um die Ecke kam. Das ist diesmal nicht der Fall. Trotzdem ist es den Label-Hausherren Northern Lite wieder gelungen, neben den beiden eigenen Stücken vom aktuellen Album Songs zu kompilieren, auf deren Zusammenstellung man so gar nicht gekommen wäre. Dabei treffen die fabelhaften Royksopp („alpha male“) auf Console, die dann auf Goldcut und irgendwann röhrt Peaches ihr „you love it“ fordernd heraus. Der gemeinsame Kontext ist eine irgendwie elektronisch geprägte Ausgangssituation, die sich aber in sehr differenzierten Stimmungslagen äußert. Mal sehr ruhig, dann wieder ab durch die Decke. Neuentdeckungen wie die 1st Decade-Newcomer Chapaeu Claque (erinnern etwas an Klee) würzen und nach zwei Durchläufen ist es wieder stimmig und gewohnt stilvoll. (mb)

Vampire Weekend • Contra • Xl/Beggars Group, 08.01.10

Nach dem Überraschungserfolg ihres Debüts lassen Vampire Weekend erneut das Zebra von der Leine. Wie zwei Jahre zuvor mischen sie auch auf ihrem Zweitwerk die Indie-Rock-Szene mit polyrhythmischen Afrobeats auf. Unbekümmert spielen die New Yorker dabei mit verschiedensten Instrumenten (gegen Rasseln und Handtrommeln wirken Gitarre, Piano, Synthesizer und Streicher fast schon bieder). Contra sprudelt über an frischen Ideen, glänzt mit tollen Melodien und ist hochgradig ansteckend. Gleich im Eröffnungstrack serviert das Quartett um Sänger Ezra Koenig spanische Erfrischungsgetränke zu Wintertemperaturen. In den darauf folgenden neun Songs bewegen sich seine Bandkollegen zwischen Ska, Funk, Dancehall und Weltmusik. „Wir klingen mehr wie Vampire Weekend als auf der ersten Platte“, sagt Schlagzeuger Christopher Tomson. Neben leichtfüßigen Gute-Laune-Nummern haben diesmal auch nachdenkliche Stücke den Weg auf den Langspieler gefunden. Darin setzt sich die Jungs mit Themen wie Trennung und Tod auseinander. (André Gieße)

Wallis Bird • New Boots • Columbia/Sony Music, 02.03.10

Auch in diesem Monat liefert Columbia Berlin ein interessantes Scheibchen Songwriterkost zum Probehören ab. Kann man sich wirklich dran gewöhnen. Nach dem immer noch fulminanten Asaf Avidan in der letzten Ausgabe geht die Reise diesmal gen Irland, woher die 26-jährige Sängerin und Songschreiberin Wallis Bird stammt. Den Gedanken an publastigen Folk irischer Art könnt ihr sofort zur Seite legen, damit hat New Boots nichts am Hut. Eher passt sie in die Liga junger Musikerinnen a la Amy McDonald oder einer Duffy, ohne diese zu kopieren. Durchweg eingängig und trotzdem immer wieder erkennbar sind ihre Songs. Allein die erste Singleauskopplung „To My Bones“ wird nach dem bereits erfolgreichen 2007er Debüt Spoons ihre Bekanntheit erneut vorantreiben, schließlich hat der Song einiges an Hitpotential. Besonders reizvoll: Nach den elf durchweg stimmigen Songs gibt es als Bonus ganze fünf Livetracks und damit einen Lustmacher auf ein Wallis Bird Konzert obendrauf. (Michael Baller)