„Wie Surfen auf Ecstasy.“ Mit diesem Bild beschreiben MGMT aus New York ihr zweites Album. Der Vergleich passt wie Arsch auf Eimer. Und zwar nicht nur wegen des knallbunten Comiccovers. Begeisterten die beiden Paradiesvögel Andrew Vanwyngarden und Ben Goldwasser auf ihrem furiosen Debüt vor zwei Jahren noch mit einer postmodernen Hitmixtur aus Hippietum und New Wave, eröffnet sich dem Hörer nun ein komplexes Gesamtkunstwerk aus schrammeligen Gitarren und schrillen Keyboards. Auf seiner musikalischen Odyssee plündert das Duo die letzten fünf Dekaden; passiert überschwänglichen Surfpop, kentert in psychedelischem Folkrock und strandet schließlich bei trashigem Elektrosound. Auch wenn MGMT diesmal jegliche Art von Ironie über Bord geworfen haben wollen, wirken die Lyrics verschroben. Während der Opener „It’s Working“ den Klimawandel thematisiert, handelt das zwölfminütige „Siberian Breaks“ vom Wellenreiten im Nordpolarmeer vor Russland. Zu Nebenrollen darf man übrigens Lady Gaga und Brian Eno gratulieren. (André Gieße)
MGMT • Congratulations • Columbia/Sony Music, 09.04.10
Midlake • The Courage Of The Others • Bella Union/Cooperative/Universal, 29.01.10
Es dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben, dass die fünf bärtigen Burschen von Midlake etwas für Folkrock übrig haben. Während auf ihrer furiosen zweiten Platte noch Neil Young und Fleetwood Mac als Ideengeber für manche handgeschnitzte Melodie herhalten mussten, zitiert die Band auf The Courage Of The Others britische Ikonen wie Fairport Convention. Auch aus ihrer Vorliebe für den psychedelischen 70ies-Sound von Jethro Tull machen die früheren Jazzstudenten aus Texas keinen Hehl. Obwohl ihr dritter Langspieler langsamer und dunkler als der Vorgänger ausfällt, klingen die neuen Songs immer noch wunderbar altmodisch und spiegeln neben Natureindrücken häufig persönliche Erlebnisse wider. Auch musikalisch gehen Midlake auf Tuchfühlung: Die Synthesizer wurden fast vollständig durch eine Schallmatrix aus Flöten, akustischen und elektrischen Gitarren ersetzt. Darüber ruhen warme Geigen- und Pianoklänge. Sie umschließen den sehnsüchtigen Gesang von Tim Smith und läuten das Ende des Winters ein. (André Gieße)
Minotaur Shock • Maritime • 4AD/Beggars
Zehn Gründe, warum ich Minotaur Shock liebe. 1. Seine Musik ist das fehlende Bindglied zwischen vordergründiger Attitude und grenzenloser Naivität. 2. David Edwards, der Typ hinter Minotaur Shock, ist im wirklichen Leben genau so, wie man ihn sich durch seinen musikalischen Output erhofft hatte: intelligent, vernuschelt, schlitzohrig, abstrakt. 3. Er veröffentlichte bislang auf Melodic Records, dem konkurrenzlosen Schmankerllabel aus Manchester, welches das Beste der Warp-Elektronicschule mit dem Besten der Morr-Popschule zu verbinden weiß.
Martin Jondo • Rainbow Warrior • Homeground/Groove-Attack
Wenn es ein Typ schafft, ohne eigene Platte von den RIDDIMLesern zum Newcomer des vergangenen Jahres gewählt zu werden, dann ist eine gehörige Portion Neugier durchaus nicht unangebracht. Auch ist es dann vollkommen ok, wenn man (als Schreiber vor der Entscheidungsfrage stehend) sich statt der ebenfalls neuen PATRICE – Scheibe erst einmal den frischen Tunes eines Martin Jondo hingibt. So heißt der Typ, der mit Veröffentlichung seiner ersten EP auf dem Berliner Homeground – Label (Culcha Candela, Mellow Mark) endlich in die eigenen Puschen kommt und der Reggae-Family den langersehnten Stoff für einen hoffentlich bald kommenden Sommer liefert.
Miss Platnum • The Sweetest Hangover • Four Music, 04.09.09
Da staunten kürzlich nicht wenige Besucher des Open Flair Festivals, als plötzlich Peter Fox seine Bühne räumte und das Mikro an Ruth Maria Renner alias the famous Miss Platnum übergab. Und die zeigte den überraschten Festivalgängern sofort, was man als Balkan-Soul-Party zu verstehen hat. Die Berlinerin mit elterlichen Wurzeln in Rumänien experimentiert auch auf The Sweetest Hangover erneut mit Balkanklischees in Verbindung mit ihrer markanten Soulstimme. Bei dem auch als Single ausgekoppelten She moved in vibriert anfangs ein Ohrwurmsicheres HipHop-Intro, um nur kurz darauf im kreisenden Strudel eines Gipsypogo den Tanzbär durchs urbane Dorf zu jagen. Wer anschließend aber eine stupide Polkaseeligekeit erwartet, wird enttäuscht. The Sweetest Hangover präsentiert viel mehr eine Sängerin, die ihren ganz persönlichen Soul zelebriert: echt, erdig und spannend. Da ist es nur konsequent, dass ein komplettes Blasorchester für das nötige Soundgrundgerüst sorgte. Den Schuss Pop liefert das Produzentenduo The Krauts. (Michael Baller)
