Chairlift • Does You Inspire You • Col/Sony Music, 22.05.09

Chairlift-Does You Inspire You

Hey, kenn ich doch. Habe ich schon zigmal gehört. Ach iPod, genau – toller Song. „Bruises“ diente im vergangenen Jahr als Kampagnensong für Apple und ist per se der Ohrwurm des gesamten Albums. Doch abschalten gilt nicht, denn der Rest des Debüts des New Yorker Trios ist oft noch einen Ticken spannender. Als verträumte Electro-Folk-Band im heimischen Colorado gefeiert, zog es Gitarrist Aaron Pfenning und Sängerin Caroline Polachek nach Williamsburg, Brooklyn, wo sie auf Patrick Wimberly trafen. Hier in New Yorks zeitweilig angesagtester Künstlernachbarschaft feilten die drei an ihrer Vision des zeitlosen Popsongs, Und anders als das temperamentvolle „Bruises“ ist der Großteil der Songs auf Does You Inspire You eher in sich gekehrt, verträumter gestrickt und profitiert dabei von der facettenreichen Stimme Polacheks, die phasenweise im Duett mit Pfenning zur Höchstform aufläuft. Avantgardistische, spannende und höchst fesselnde „Rotwein-Musik“ mit Charme und Gespür für außergewöhnliche Abende. (Michael Baller)

Clark • Totems Flare • Warp Records/Roughtrade, 17.07.09

Clark-Totems Flare

Wenn eine Platte via Warp Records den Weg ins Plattenregal und Idealerweise von da aus auch in die Player vieler Hörer antritt, dann kann sie eigentlich von vornherein mit einiger Sicherheit keine schlechte sein. Seit geraumer Zeit gilt Chris Clark, der seine Platten schlicht unter seinem Nachnamen veröffentlicht, in die erste Reihe der Warp-Künstler. Selbst im dritten Durchlauf gibt einem dessen aktuelles Werk Totems Flare das beständige Gefühl, dreimal völlig verschiedene Platten gehört zu haben. Hier treibend mit düster-tiefen Bässen, dann doch wieder knarzend und sich im Detail aufhaltend. Dann ein wildes Monster wie Rainbow Voodoo, bei dem Clark der Elektropunk durchgeht. Wahrscheinlich wird man auch beim zwanzigsten Durchlauf noch völlig neue Seiten entdecken, was Totems Flare eine durchaus spannende Halbwertzeit beschert. Clark macht elektronische Musik für Kopf und Körper abseits monoton gezogener Szenegrenzen. Erfrischende Herangehensweise, sehr empfehlenswerte Platte. (Michael Baller)

Clueso • So sehr dabei • FourMusic/Sony BMG, 30.05.08

Hoppla, was hat dieser junge Mann für eine Entwicklung hinter sich. Die Dreißig noch vor sich, aber bereits drei Alben im Backkatalog und jetzt Nummer vier frisch in den Regalen. Und immer ging es dabei einen Schritt vorwärts, aber eben auch nie einen zu viel, der die Gefahr des Stolperns, des zu schnellen Erfolgs in sich getragen hätte. Erfurt ist eben doch weit genug weg, um ungestört arbeiten zu können. So sehr dabei geht den musikalischen Weg konsequent weiter, den bereits das Vorgängerwerk deutlich markierte. Gerade im direkten Vergleich zu diesem zeigt sich auch deutlich, dass der Songwriter Clueso mehr als je zuvor in sich zu ruhen scheint. Statt nervösem Erfolgsdruck präsentiert man sich entspannt, gelassen, oft auch nachdenklich. Keine Ausreißer, dafür instrumentale Finessen an allen Ecken, welche Cluesos kleine Alltagsgeschichten zu echten Songperlen machen. Ob die Geisterstadt aus Beton, wie es sie im Osten zigfach gibt, eine Utopie oder Barfuss („jeder noch so kleine Teich sollte verbunden sein zum Meer…“) – es macht echt Freude zuzuhören. (Michael Baller)

Coldplay • Viva La Vida • Parlophone/EMI, 13.06.08

Gigantisch waren die Erwartungen an das vierte Coldplay-Album, entsprechend lebhaft die Spekulationen darüber. Von Mut, Neuanfang und Ausverkauf war die Rede. Allein der Titel stiftete Verwirrung. Nein, Viva La Vida ist nicht die brandneue Schnulze von Ricky Martin. „Dieses Album wurde von dem Wunsch angetrieben, von Schwarzweiß ins Farbspektrum zu wechseln“, erklärt Frontmann Chris Martin. Kein Wunder, diente doch ein Gemälde der Mexikanerin Frida Kahlo als Inspiration. Ähnlich kunstaffin wirkt auch der polierte Sound der zehn sphärischen Kleinode: Neben warmen Gitarren- und Pianotönen wurden erstmals Kirchenorgeln, Chöre und Elektronika integriert. Zugegeben, der berüchtigte Bluthund, den die vier freundlichen Briten mit Hilfe von U2-Produzent Brian Eno von der Leine lassen wollten, entpuppt sich als penibel gestriegelter Pudel. Oder als Diamant ohne Kanten. Statt leidenschaftliche Wellen zu schlagen, ergehen sich die filigranen Melodien der Softrocker häufig in angestrengter Raffinesse. (André Gieße)