Robert Åsbacka • Das zerbrechliche Leben • Hanser Verlag, 2010

In dem Roman Das zerbrechliche Leben begegnet uns das Leben als eine Konstruktion aus Erinnerungen, aus Fragen und vor allem aus den Begegnungen mit anderen Menschen. Fragil ist diese Konstruktion, zerbrechlich. Aber auch dehnbar und deshalb facettenreich, unerschöpflich. Diese Erfahrung macht auch Johannes Thomasson, ein Mann, der fast am Ende seines Lebens steht. Seit seine Ehefrau Siri bei einem Schiffsunglück vor zwölf Jahren gestorben ist, hat er sich eingeigelt, ist zum Eigenbrötler geworden.

Allenfalls spricht er mit seiner ebenfalls toten Tochter Maja, von deren Stimme er sich in Gedanken immer wieder konfrontiert sieht. Eines Tages jedoch, als Thomasson einen Spaziergang am Meer unternimmt, rettet er einen Nachbarsjungen vor einer Horde Jugendlicher. Zwar ist das der Anfang eines körperlichen Leidens, das im Laufe des Jahres immer schlimmer wird und sein Leben beschwerlicher macht. Allerdings beginnt für ihn mit diesem Tag auch ein neues Kapitel abseits der Einsamkeit und der Trauer um Siri. Denn plötzlich hat Thomasson wieder Kontakt zu anderen Menschen. Seien es der ewig monologisierende Berg, die Nachbarin Mona Sund oder Agnes. Für ihre Abschlussarbeit bittet die Kunststudentin jeden Einwohner aus dem finnischen Dorf in Österbotten, wo Thomasson lebt, den schmerzhaftesten Moment seines Lebens aufzuschreiben. Sie alle tragen dazu bei, dass sich Thomassons wieder lebendig fühlt.
Und trotzdem bleibt er seinem alten Leben verhaftet. Vor allem dem Teil, den er gemeinsam mit seiner Frau verbracht hatte. Seit ihrem Tod trauert Thomasson um Siri. Dabei beschäftigen ihn immer wieder dieselben Fragen: Wie genau ist Siri beim Untergang des Schiffes gestorben? Wo war sie, als es passierte und hatte sie überhaupt eine Chance zu überleben? Wäre das alles vielleicht nicht passiert, wenn er sie nicht betrogen hätte? Und was wäre geschehen, wenn er sie bei dieser Fahrt begleitet hätte? Fragen, die Thomasson nicht beantworten kann, die er sich in vielen Variationen aber immer wieder zu beantworten sucht. Dieser Unfähigkeit, mit Siris Tod zu leben, sie loszulassen, begegnet Thomasson auf ungewöhnliche Weise. Denn ihm gelingt in den Jahren nach dem Untergang des Schiffes das, was ihnen nicht zugestanden wurde, weil die Toten des Unglücks nie geborgen werden konnten: ein Abschied. Er baut Siri, die Organistin war, eine Orgel mitten ins Wohnzimmer, an die Nordwand. Jahrelang entsteht diese Orgel Schritt für Schritt. Für den Fall, dass Siri doch noch wiederkommt. Das Bauen der Orgel ist der langsame Abschied Thomassons von seiner Frau. Und als das Instrument fertig ist, gelingt ihm der Anfang eines neuen Lebensabschnitts, obwohl die Fragen bleiben und für immer bleiben werden – bis Thomasson selbst Abschied nimmt. Das zerbrechliche Leben ist ein leiser, faszinierender Roman über ein Leben, das nicht nach Plan verläuft und in dem Katastrophen neben glücklichen Augenblicken stehen. (Madlen Reimer)

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