Was geschah eigentlich 1968 in der DDR? Boxhagener Platz, der erste Kinospielfilm des Fernsehregisseurs Matti Geschonnek, geht dieser Frage nach. Er versucht in prägnanten Bildern und sensibler Erzählweise einzufangen, was in Ostberlin geschah, während im Westen die Studenten revoltierten. Soviel ist schnell klar: Auch in Ostdeutschland waren die späten Sechziger eine wilde Zeit.
Bevor die sowjetischen Panzer in Prag anrückten, gab es auch dort so etwas wie eine sexuelle Befreiung, sorgte der Prager Frühling für ein paar Monate „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund erzählt der Film eine private Tragikomödie, eng angelehnt an den gleichnamigen Roman von Torsten Schulz, der kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 2004 zum Erfolg wurde. Der Roman ist ein saftiges Sittengemälde mit viel Berliner Milieu, eine Burleske, die in ihrer Mischung aus Realismus und Proletariertum ein wenig an Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz erinnert.
Boxhagener Platz spielt im Sommer 1968. Im Mexiko finden gerade die Olympischen Spiele statt – erstmals mit einer DDR-Auswahl. Im Zentrum der Handlung steht einerseits Oma Otti (Gudrun Ritter), die in bald 80 Lebensjahren Kaiser, Führer, zwei Weltkriege und fünf Ehemänner überlebt hat. Auch ihrem sechsten Mann geht es nicht mehr gut, und schon hat sie zwei neue Verehrer an der Hand: Der charmante, clevere Wittwer Karl Wegner (Michael Gwisdeck), ein Ex-Spartakuskämpfer und Pendler zwischen Ost und West, und auf den schleimigen Alt-Nazi Fisch-Winkler (Horst Krause). Dann geschieht ein Mord, und es entfaltet sich eine Geschichte aus Lakonie und feinem Witz. Oma Otti schimpft auf den „Zickenbart“ Walter Ulbricht, seine Regierung sei eine „Aasbande“, Hauptfigur Holger spielt am liebsten Fußball, und bekommt irgendwann den ersten Zungenkuss. Er und Gwisdeck sind die Stars des Films, Meret Becker und Jürgen Vogel sieht man gern, aber sie bleiben Nebenfiguren.
Boxhagener Platz ist ein Berliner Heimatfilm, eine Story aus dem wilden Osten, aber keine Ostalgie. Vielmehr erzählt der Film aus der Perspektive des jungen Enkels Holger von einer Kindheit in den Sechzigern. Neben dem gleichnamigen Platz in Berlin-Friedrichshain spielt auch das Essen einen wichtige Rolle in dem Film: Alte Hausmannskost, aus der Zeit, als Obst noch als Südfrüchte bezeichnet wurden, wie es sie heute nur noch an wenigen Orten gibt: Rouladen, Bouletten, Karpfen, Graupensuppe, weißer und roter Kohl, Kartoffelbrei mit Ei und Spinat. (Rüdiger Suchsland)
Drama
Kinostart: 04.03.2010
Regie: Matti Geschonnek
