Benjamin Stein • Die Leinwand • C.H. Beck, 2010

Jedem Juristen und Historiker ist der C. H. Beck-Verlag ein Begriff. Unter Literaturfreunden ist er kaum bekannt, was weniger an seiner Qualität als an der geringen Anzahl seiner publizierten Titel liegen dürfte. Eine der aktuellen Neuerscheinungen ist Die Leinwand von Benjamin Stein. Der zweite Roman des gebürtigen Berliners hebt sich bereits dadurch ab, dass er zwei Vorderseiten hat, hinter denen sich jeweils eine 200-seitige Geschichte verbirgt, die in der Mitte des Buches aufhört.

In beiden Romanhälften wird jeweils die Geschichte eines Mannes erzählt. Jan Wechsler ist der Protagonist der einen Hälfte. Er lebt als orthodoxer Jude mit seiner Frau und zwei Kindern in München. Eines Tages wird ein Koffer bei ihm abgegeben, der ihn existenziell verunsichert. Darin befindet sich ein ihm unbekanntes Buch, das ein Jan Wechsler geschrieben hat. Bei ihrer Recherche entdeckt die Hauptfigur immer mehr Gemeinsamkeiten mit dem Autor. Seine eigene Vergangenheit wird durch das Leben des anderen Jan Wechsler zunehmend infrage gestellt. Ist er am Ende gar selbst der Autor und kann sich nicht daran erinnern, ein solches Buch geschrieben zu haben? Die zweite Romanhälfte erzählt die Geschichte von Amnon Zichroni. Geboren in Israel erfährt er später in Zürich und New York eine jüdisch-religiöse Ausbildung. Zichroni hat die Fähigkeit, die Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben, was ihn zum Studium der Psychologie und Parapsychologie führt.
Am Ende der jeweiligen Romanhälfte berühren sich die Lebensläufe der Hauptfiguren. Das Rätsel um die Identität von Jan Wechsler löst sich zumindest zum Teil auf, die Verbindung zwischen den Protagonisten wird klar. Die Geschichte von Jan Wechsler erinnert an Stiller, den ersten Roman von Max Frisch, der mit dem grandiosen Satz beginnt „Ich bin nicht Stiller.“ Ähnlich wie Frisch spielt Benjamin Stein in Leinwand mit Identität. Das hat autobiografische Züge und gleicht einem Spiel mit sich selbst. So wirkt Steins Geschichte über Zichroni wie ein Entwicklungsroman. Dabei stellt der Autor das Schicksal der Hauptfigur von seiner Geburt an dar und beschreibt anschließend ihren Weg von einer göttlichen Verfehlung bis zur Annahme einer religiös-lebensweltlichen Bestimmung. Ist der Roman gelungen? Zunächst einmal kann man beide Teile durchaus einzeln lesen und als solide Literatur einstufen. Sie vermitteln einen guten Einblick in eine Facette aktuell gelebten Judentums. Dennoch bleibt Die Leinwand hinter ihren Möglichkeiten. Die ungewöhnliche Grundanlage hätte durch eine sorgfältigere Ausgestaltung am Ende zu einer weit größeren Wirkung führen können. Das Ganze bleibt zu nebulös und somit zu wenig aussagekräftig. Trotz dieser Schwäche gehört Die Leinwand zweifellos zu einer der besseren Neuerscheinungen und ist insbesondere für Interessenten anspruchsvoller, ungewöhnlicher Literatur zu empfehlen. (Gernod Siering, Buchhandlung LeseLust)