Mein Blick blieb am Cover hängen. Genauso soll es ja auch funktionieren, das Konzept der Kulturindustrie: Die Umwandlung des immer Gleichen. Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen. Ein Umschlag in Knitteroptik, weiß, vielleicht hellgrau, unten links eine aufgedruckte Sicherheitsnadel, die versuchen soll, das Mängelexemplar zu kitten. Hat leider nicht funktioniert. Das Äußere erinnert an ein vor einiger Zeit erschienenes rosa Büchlein, mit Heftpflaster auf dem Umschlag. Darin ging es gar nicht mädchenhaft rosa zu, und so manchem lieferte es zu viele Innenansichten. Innensicht gibt es auch beim weißen Buch mit der Sicherheitsnadel, jedoch eher die psychische, statt physische der Protagonistin: Karo hat eine Depression. Das erfährt man schnell. Gleich auf der ersten Seite sitzt sie nämlich im Sprechzimmer vom „Popstarpsychiater“.
Sarah Kuttner • Mängelexemplar • Fischer Verlag, 2009
Vincent Delecroix • Der Schuh auf dem Dach • Ullstein Verlag, 09
Ein werbewirksames Mittel im Buchhandel scheint das Wort „Roman“ auf dem Titel. So werden viele Büchlein, die nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Erzählung darstellen, in großzügigsten Druck auf über 100 Seiten gebracht und als Roman eingestuft, damit der Käufer mit ruhigerem Gewissen gut 15 Euro für das Buch ausgeben kann. In die Kategorie der fälschlicherweise als Romane bezeichneten Werke reiht sich auch Der Schuh auf dem Dach von Vincent Delecroix ein. Dieser Text verdiente es zwar, von der inhaltlichen Weite und vom Umfang mit immerhin 217 Seiten als solcher bezeichnet zu werden, ist aber dennoch keiner. Vielmehr als das ist es eine Sammlung von Erzählungen, die alle einen gemeinsamen Bezugspunkt haben – einen Schuh auf dem Dach des Nachbarhauses. Skurrile, schöne, zum Nachdenken oder Schmunzeln anregende Geschichten finden sich darunter.
Peter Sloterdijk • Du mußt dein Leben ändern • Suhrkamp Verlag, 2009
Sein Leben zu ändern, das verhindert schon die Macht der Gewohnheit. Und Peter Sloterdijks neues Buch, ein monumentaler, aber eingängiger Essay, der seine zentrale These schon im Titel führt, ist ein einziges Plädoyer dafür, es sich etwas schwerer zu machen. „Du musst Dein Leben ändern“, das ist die Schlusszeile von Rilkes berühmtem Gedicht „Archaischer Torso Apollos“. Sie ist, wie Sloterdijks Werk ein direkter Bezug auf die Antike, und doch darin deren Vergegenwärtigung. Was Sloterdijk hier tut? Er leistet eine Epochen-Diagnose. Die Gegenwart sieht er in der Spannung zwischen antiken Lebensformen, die im Namen von „Übung und Perfektion“ mobil machen, und der Moderne, die unter dem Vorzeichen von „Arbeit und Produktion“ steht. In ersteren ist der Weg das Ziel.
Alle Anderen, 2009

© Prokino
Menschen in der Sonne; Deutsche im Urlaub. Ein junges Paar in Sardinen. Man badet, wandert in den Bergen, wohnt im Ferienhaus der Eltern. Es sind sehr präzis definierte Mittelstandsverhältnisse, von denen die Berliner Regisseurin Maren Ade erzählt: Ihre beiden Protagonisten – gespielt durch die Theaterdarsteller Birgit Minichmayr und Lars Eidinger – sind knapp über 30, stammen aus gutbürgerlichem Hause. Diese sozialen Ausgangslagen und Wertmaßstäbe bestimmen auch die Dynamik ihrer Partnerschaft. In der Beziehung sind die Machtverhältnisse undurchdringlich. Als die beiden einem zweiten, befreundeten Paar begegnen, wird dies für die Hauptfiguren zum Katalysator für Veränderungen im eigenen Liebesleben. Die Spannung zwischen ihnen wächst, und die erprobten Beziehungsrituale geraten ins Wanken.
Public Enemies, 08-09

© Universal
Eine gewisse Ähnlichkeit zum ersten Aufeinandertreffen von Pacino und DeNiro in Heat ist in Public Enemies unvermeidbar. Geführt von Michael Mann stellen sich zwei der größten Schauspieler ihrer Generation in einem Action-Thriller dem Duell zwischen Jäger und Gejagtem – diesmal allerdings sind es Johnny Depp und Christian Bale, die sich das erste Mal vor der Kamera gegenüber stehen. Public Enemies macht eines der schillerndsten Kapitel amerikanischer Gangstergeschichte lebendig: John Dillingers legendäre Raubzüge, die ihn zum meistgesuchten Mann auf der Fahndungsliste des damals noch jungen FBIs und zum Helden für einen großen Teil der unterdrückten, benachteiligten Bevölkerung in den Zeiten der Großen Depression in den USA der 30er-Jahre
machten. Niemand schien den charismatischen Dillinger (Johnny Depp) und seine Gang stoppen zu können.
