Mit seinem Roman Submarino gibt Jonas T. Bengtsson einen radikal realistischen Einblick in eine brutale Welt am Rande der Gesellschaft. Genauer gesagt, in die Welt von Nick und seinem älteren Bruder, die in Kopenhagen leben und deren Leben schon sehr früh aus den Bahnen geraten sind. Gemeinsam hatten sie Erlebnisse, die sie noch immer prägen, seien es die Abstürze ihrer alkoholkranken Mutter oder das Bild des kleinen Bruders, der eines Morgens ganz still in seinem Bett lag und nie wieder aufgewachte. Trotz der gemeinsamen Kindheit, haben die Brüder aber kaum Kontakt zueinander. Jeder lebt sein eigenes Leben und seine eigenen Katastrophen.
Der ältere der zwei Brüder ist ein Heroinjunkie und alleinerziehender Vater. Sein Sohn Martin ist sein Ein und Alles. Doch wenn er den nächsten Schuss braucht, beginnt die rücksichtslose Hetze durch die ganze Stadt, auf der Suche nach Geld, nach Stoff, nach dem Ende des ihn plagenden Verlangens, nach kurzweiliger Erlösung. In diesen Momenten macht die Sucht ihn zum radikalen Egoisten, der es kaum schafft, seinen Zustand vor seinem Sohn zu verbergen. Aus schlechtem Gewissen und zur Wiedergutmachung wird Martin nach einem solchen Trip jeder Wunsch erfüllt: der Riesendinosaurier, das Superman-Kostüm, das größte Eis der ganzen Stadt. Damit Martin bloß glücklich ist, damit ihm das Leben seines Vaters nicht schadet, ihm dem kleinen Jungen, auf den der Vater immer doch so stolz ist. Der Kampf zwischen der tiefen Liebe zu Martin und dem überlebensnotwendigen Stoff, zwischen Leben und Sucht, ist das, was in Submarino eindringlich, stark und erschütternd dargestellt wird.
Während sein älterer Bruder sich immer mehr den Drogen verschreibt, findet der jüngere Nick, ein Bodybuilder, der in einem Wohnheim wohnt, aus seinem aggressiven und tristen Alltag zunehmend öfter heraus. Nachdem die Beziehung mit seiner Freundin Ana auseinander gegangen war, bestand seine Realität nur aus Schlägereien, Alkohol und profanem Sex, den seine Nachbarin Sofie ihm fast aufzwang. Doch seit Nick sich dem Bruder seiner Ex-Freundin, Ivan, einem verwahrlosten, jugendlichen Flüchtling, angenommen hat, scheint er sich zu verändern: Sofie und Nick kommen sich näher, er sieht, dass auch sie eine Geschichte hat und er lässt diese Nähe zu. Er kümmert sich um Ivan, kauft ihm Kakao, Pornos und neue Kleider. Und er hört ihm zu, wenn er seine Geschichten aus dem Krieg in seiner Heimat erzählt, immer ungefragt und mit einer plötzlichen Heftigkeit, die zeigt, dass Ivan die Bilder in seinem Kopf weder kontrollieren und schon gar nicht vergessen kann. Mit ebendieser Heftigkeit hat das Verhältnis von Nick und Ivan schließlich auch ein Ende, als Ivan die Schuld an Sofies Tod trägt. Submarino ist ein Roman, der den Blick ändert, der auch sprachlich so eindringlich ist, dass man ihn kaum vergessen kann – man muss ihn einfach lesen. (Madlen Reimer)
