Edo Popovic • Kalda • Voland & Quist, 2008

In der Nacht, nachdem er seinen Vater wieder gesehen hat, kniet Kalda vor der Kloschüssel und steckt sich den Finger in den Hals. Er will alles loswerden, ins Klo kotzen: Die ganze kaputte Vergangenheit, den Krieg, die Eltern – all die Dinge, die er bisher verdrängt hat und dank denen er sich fühlt „wie jemand, dem man die Haut abgezogen hat“. Verdammt drastisch blickt Kalda in Edo Popovics gleichnamigem Roman auf sein Leben. Ende der 60er Jahre in einem Arbeiterviertel Zagrebs geboren, hat Kalda früh gelernt sich nicht auf seine Eltern zu verlassen.

Er hat die Pubertät irgendwie überstanden, ist immer allein und ein Außenseiter gewesen. Seine ersten sexuellen Erfahrungen hat er sich erkauft, genau wie er seinen Zuhörer, den Psychiater Galin, bezahlt. Nachdem er die Schule abgeschlossen hat, kauft Kalda sich eine Nikon. Der Fotograf, der die Verhängnisse der Welt durch den Filter seiner Kamera wahrnimmt, steht allegorisch für Kaldas Verhältnis zu seiner Umwelt und zu seinem Leben. Denn das hat er zwar irgendwie miterlebt, aber kaum in sich eindringen lassen: Er „bewegte [s]ich damals wie ein Geist durch all diese Ereignisse, ohne daran Teil zu haben“. Auch was er als Kriegsfotograf sieht, wird von ihm fast nüchtern erzählt und erst später als die wirkungsmächtigen, ungeheuerlichen Erfahrungen wahrgenommen, die sie sind. In vielen Rückblenden wird die zerrüttete Vergangenheit Kaldas mit der nicht minder absurden Gegenwart konfrontiert. Eins kam zum andern, manche Dinge waren vielleicht vorauszusehen, andere einfach nur Zufall. Anfangs entsteht auch beim Leser der Eindruck, all diese Geschehnisse wie Kalda nur durch den Sucher einer Kamera wahrnehmen zu können. Doch je länger man ihn begleitet, je weiter Kalda sich selbst auf sein Leben einlässt, desto authentischer und beeindruckender wird diese Figur. In manchen Momenten kommt man Kalda so nah, dass man seine Angst zu spüren glaubt, immer in dem Wissen, dass man ihn niemals kennen wird – das sind die intensivsten und eindringlichsten Momente in diesem Roman. Nicht zuletzt ist die außergewöhnliche Sprache Popovics für die Intensität dieser Augenblicke verantwortlich: Mit harten, direkten Worten lässt er Bilder entstehen, die in die geordnete Realität des Lesers einschlagen und mitten in die Wunden der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart treffen. Doch auch die zarten Momente, die den Menschen, den Liebenden, auch dem Tod gehören, werden in ungewöhnlichen und bewegenden Bildern erzählt. Edo Popovics Roman ist die Geschichte eines Typen, der nicht die großen Träume hat, der bloß sein Leben und die elementaren Kleinigkeiten erfahren will. Kalda zeigt einem die kaputte Welt, vor der man normalerweise besser die Augen verschließt, denn es gibt Dinge, die kann man nicht auskotzen. (Madlen Reimer)

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