In Zeiten von Internet-Blogs gehören Online-Tagebücher zu Auslandsaufenthalten wie anfängliches Heimweh. David Schumann, Japanologie-Student aus Köln, machte sich im März 2005 auf die Reise nach Tokio um dort ein Auslandssemester zu absolvieren. Auch er schrieb seine Erlebnisse auf, offline und nur für sich und seine Freunde. Jahre später teilt er nun seine Erfahrungen mit der breiten Masse, allerdings in klassischer Buchform unter dem Titel The Tokyo Diaries. Für den Leser fühlt es sich ein bisschen so an, als würde er das private Tagebuch von David Schumann in den Händen halten. Denn der Autor schreibt von den Startschwierigkeiten in einem fremden Land mit fremden Menschen und einer komplett anderen Kultur. Zunächst ist er auf sich allein gestellt in mitten der 8,5 Millionen Metropole.
Bald lernt Schumann Freunde kennen, findet eine neue Band, bei der er Gitarre spielen kann und auch jobtechnisch geht es voran: Er wird Englischlehrer für reiche Japaner und betreut Bands bei deren Konzerten in Tokio. Irgendwann wird er auf der Straße angesprochen, ob er nicht als Model arbeiten möchte. Eigentlich hat David Schumann mit diesem Business nichts am Hut, scheint für die Japaner aber wegen seines auffälligen Äußeren extrem interessant zu sein und kommt so eher unfreiwillig zu einer Modelkarriere. Der deutsche Punk mit den vielen bunten Tattoos wird zum viel gebuchten Star in Japan. Durch Schumanns viele Aufgaben neben seinem Studium bekommt der Leser einen guten Einblick in das Lern- und Arbeitspensum, welches in Japan normal, für uns aber außergewöhnlich ist. Man spürt seinen Stress förmlich am eigenen Leib. Im Verlauf des Buchs lernt man David Schumann vermeintlich gut kennen: wie er tickt, was er mag und was eben nicht. Man geht mit ihm feiern und ist dabei, wenn es ihm schlecht geht. Die meiste Zeit verbringt Schumann neben seinem Studium und der Arbeiten damit, in Karaoke-Bars mit Freunden abzuhängen, billiges japanisches Bier zu trinken und viel Musik zu hören. Was er genau hört, kann der Leser mit Hilfe seiner Playlists selbst nachhören – quasi als Soundtrack zum Buch. Einziges Manko an The Tokyo Diaries: Der Schreibstil! Schumann schreibt so, wie es ihm gerade in den Sinn kommt, so wie man es in einem üblichen Tagebuch nun mal tut. Im Vergleich mit anderen Reiseberichten wirkt sein
Buch oft blass und sehr umgangssprachlich. Dafür ist es aber authentisch und nah am echten, pulsierenden Leben der japanischen Hauptstadt. Wenn man darüber hinweg sehen kann, wird man einige gute Stunden mit dieser Literatur und David Schumanns Abenteuern im fernen Tokio verbringen können. (Sonja Berg)
