Die Spielregeln setzt der Autor und nicht der Kritiker. Friedrich Dürrenmatt wusste das in den 70ern und Daniel Kehlmann weiß es heute. Die Spielregeln, welche sind damit gemeint? Nun, zuerst einmal die der Literatur. In Kehlmanns neuem Roman Ruhm sind die Spielregeln kompliziert, die Akteure weder eindeutig gekennzeichnet noch wird klar, wer hier überhaupt mit wem und gegen wen spielt. Und das Spielfeld ist – na ja, unbestimmt. Denn es ist der Roman, der sowohl Spielfeld als auch Spielball ist. Und in diesem geht es weder um Simples noch um Banales – denn Thema sind Mensch und Kunst. Und um das Spiel geht es auch. Denn dieses beherrscht der Autor von sechs Romanen und einigen Erzählungen so virtuos, wie es einst der Magierlehrling Beerholm verstand, die Grenzen zwischen Schein und Sein aufzulösen.
In den neun Kurzgeschichten, die durch ihre Protagonisten eine lose Verbindung zueinander haben, rückt einer einen ins Blickfeld, der ein Handy mit falscher Nummer inklusive neuer Identität erhält, stellt ans andere Ende des Spielfelds eine junge Dame, die sich plötzlich als fiktive Romanfigur erkennt und lässt dazwischen andere permanent in Schweiß ausbrechen, originale Imitate am Imitat scheitern, oder eine alte Dame den Tod nicht akzeptieren. Zu aller Verwirrung stellt sich nach und nach auch noch heraus, dass alle Akteure auf doppeltem Boden auftreten. Wir sehen sie von außerhalb Richtungen wechseln und in verschiedenen Sphären auftauchen. Über allem steht vielleicht ein Schriftsteller. Realität und Fiktion zerrinnen in Ruhm zwischen den Leben, zwischen den Enden und Neuanfängen. Das ist verwirrend. Und vor allem ist das großartig. Denn hier wird das aus den Angeln gehoben, was wir Realität nennen. Und es wird Literatur als das gefeiert, was sie sein kann: Ein Spielfeld von Möglichkeiten, in dem die Fiktion Grenzen zum Einstürzen bringt und Figuren hervorbringt, die wir als authentisch empfinden oder als Phrase. In jedem Fall aber schillert dieses prosaische Spiel im Licht der Chancen, Möglichkeiten und Aussichten. Dieses Licht wird von einem geschickten Spielfreudigen präzise eingesetzt. Dieser Meister im Spiel der Reflexe ist Daniel Kehlmann, der auch im medialen Leben gerne die Fäden in der Hand hält und die Regeln des Spieles, in dem er selber Akteur ist, schreibt. Anstatt der allseits bescheinigten Schwerfälligkeit des Schreibens nach dem Bestseller zu folgen, behauptet er das Gegenteil. Anstatt den Kritikern das Feld zu überlassen, analysiert er sein noch nicht veröffentlichtes Buch lieber gleich selber. Und dann nennt er den Roman nach seinem Weltbestseller auch noch ganz selbstironisch Ruhm. Die Spielregeln, die macht hier also nur einer: der Schriftsteller und nicht der Kritiker. Zum Glück. Denn wer könnte das besser? (Madlen Reimer)
