“Ich fühle mich immer wie von selbst zu einfachen, ehrlichen Sachen mit aufwändiger Produktion hingezogen, wie ‚Love Can’t Turn Around’. Auch wenn ich mich gern in Underground-Nummern verliere, zieht mich Musik mit Hooks trotzdem an.“ Joe Goddard, neben Alexis Taylor treibende Kraft von Hot Chip, bringt die Philosophie hinter One Life Stand treffend auf den Punkt. Der phantastische Fünfer aus London serviert mit dem Nachfolgewerk des vormals kühleren Made In The Dark Langspielers ein Stück organische Dancemusik abseits aalglatter, seelenloser Hochglanzproduktionen. Von den Grundbausteinen House und Techno ist im allgemeinen Verständnis nicht viel übrig, zu breit ist die Palette an Einflüssen und Stilnoten im Songwriting der Band. Das gospelartige Hand Me Down Yor Love würde auch einer Moby-Platte gut zu Gesicht stehen während I Feel Better ein schon fast todsicherer Clubklassiker ist. Die Hooks sitzen perfekt und doch charmant natürlich. Hot Chip bleiben Könner. Clubmusik mit Seele. (Michael Baller)
Hot Chip • One Life Stand • Parlophone/EMI, 29.01.10
Midlake • The Courage Of The Others • Bella Union/Cooperative/Universal, 29.01.10
Es dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben, dass die fünf bärtigen Burschen von Midlake etwas für Folkrock übrig haben. Während auf ihrer furiosen zweiten Platte noch Neil Young und Fleetwood Mac als Ideengeber für manche handgeschnitzte Melodie herhalten mussten, zitiert die Band auf The Courage Of The Others britische Ikonen wie Fairport Convention. Auch aus ihrer Vorliebe für den psychedelischen 70ies-Sound von Jethro Tull machen die früheren Jazzstudenten aus Texas keinen Hehl. Obwohl ihr dritter Langspieler langsamer und dunkler als der Vorgänger ausfällt, klingen die neuen Songs immer noch wunderbar altmodisch und spiegeln neben Natureindrücken häufig persönliche Erlebnisse wider. Auch musikalisch gehen Midlake auf Tuchfühlung: Die Synthesizer wurden fast vollständig durch eine Schallmatrix aus Flöten, akustischen und elektrischen Gitarren ersetzt. Darüber ruhen warme Geigen- und Pianoklänge. Sie umschließen den sehnsüchtigen Gesang von Tim Smith und läuten das Ende des Winters ein. (André Gieße)
Get Well Soon • Vexations • City Slang, 22.01.10
Opulent und bombastisch, mit diesen beiden Adjektiven lässt sich das neue, zweite Album von Konstantin Gropper alias Get Well Soon am besten beschreiben. War Rest Now Weary Head schon von der Instrumentierung und der musikalischen Umsetzung kolossal, legt Vexations noch mal nach. Das Album beginnt mit Streichern und Vogelgesängen, die Gropper im elterlichen Garten aufgenommen hat. In jedem der 14 Lieder kann man kleine, feine Besonderheiten entdecken, konzentriertes Hinhören wird allerdings vorausgesetzt. Während Konstantin Gropper an seinem Debütalbum über einem Zeitraum von mehreren Jahren feilte, hatte er für den Nachfolger nur wenige Wochen, was seiner Kreativität aber nicht geschadet hat. „We are Ghosts“ summiert die Genialität des neuen Materials: Eingängig, wunderbar umgesetzt und doch nicht beim ersten Hören zu fassen. Auf Hitsingles wurde hier allerdings kein Wert gelegt, das gesamte Album ist der Star, und das zu Recht. Vexations gilt somit bereits im Januar als Kandidat für die Meisterwerke des Jahres 2010. (Sonja Berg)
Trus’Me • In The Red • Fat City/Groove Attack, 11.12.09
Bereits zum Ende des Jahres 2007 gelang es dem Briten David Wolstencroft alias Trus’Me mit seinem Debüt Working Nights, noch einen echten Jahrgangsklassiker hinzulegen. Sein Soul- und Afrobeat-basierter Discohouse versetzte nicht nur den lokalen Plattenhändler in Verzückung, sondern ist seitdem auch ständiger Bestandteil eines jeglichen DJ-Sets des Rezensenten. Zur Jahreswende folgt jetzt das lang ersehnte neue Album. In The Red schließt nahtlos an den vor Sample- und Detailliebe strotzenden Vorgänger an. Musikalische gereift hat der DJ, Produzent und Musiker aus Manchester sein Talent um echtes Soundwriting erweitert und präsentiert nun ein kohärentes Werk aus acht in sich verwobenen Titeln. So rund wie eine gut geschnittene Schallplatte nur sein kann. Kongeniale Unterstützung gibt es von Amp Fiddler und Wunderkind Dam-Funk von Stone Throw Records. Absolutes Highlight ist das minimalistische „Sweet Mother“: Ein treibender Song aus der Zeit, als der Soul seine afrikanischen Wurzeln entdeckte. (Falco Stienen)
Peter Rüchel • Rockpalast • Edel/Rockbuch, 2009
Von magischen Momenten und einem Stück Fernseh- und Musikgeschichte erzählt der neue Bildband Rockpalast, herausgegeben von niemand geringerem als Peter Rüchel himself. Er war es, der 1976 die Sendung Rockpalast für den WDR startete und damit neue Musik der breiten Masse zugängig machte. Während man heute das typische Musikfernsehen wegen Klingeltonwerbung nur schwer ertragen kann, war es in den 70ern eine kleine Revolution, die wilden Rocker live über den Äther zu schicken. Aus einer 30-minütigen Sendung entstand bald die Idee, ganze Konzerte live zu übertragen.



